Puppengeschirr aus Plastik

Obwohl sie insbesondere in den 1950/60er Jahren zu den am weitesten verbreiteten Spielzeugen gehörten, sind komplette alte Puppengeschirre aus „Plastik“ heute nur noch ausgesprochen selten zu finden.

Dies mag vor allem daran liegen, dass sich frühe und in zunehmendem Maße auch jüngere Objekte aus Kunststoff zwar bei Sammlern wachsender Beliebtheit erfreuen, von weiten Kreisen ihrer Käufer und Benutzer jedoch gering geschätzt und infolgedessen als nicht aufhebenswert erachtet wurden oder immer noch werden. Darüber hinaus geriet den Puppengeschirren zum Nachteil, was einst ihren großen Vorteil ausmachte und überhaupt erst die Voraussetzungen zu einem solch hohem Verbreitungsgrad schuf: der niedrige Preis.

Wird ein Konsumgut teuer erkauft, entsorgt man dieses nicht einfach, wenn es im Moment nicht mehr benötigt wird oder defekt ist, sondern deponiert es in den meisten Fällen erst einmal, in der Hoffnung auf eine spätere Nutzung, in Kellern oder auf Dachböden. Erziehung und vor allem Werbung haben dafür gesorgt, dass in vielen Köpfen ein hoher Kaufpreis mit entsprechend hoher Qualität und somit Verwahrungswürdigkeit gleichgesetzt wird, unabhängig von der wahren Güte des jeweiligen Stückes. Im Umkehrschluss ist die Hemmschwelle, billig eingekaufte Waren einfach wegzuschmeißen, natürlich umso geringer. Nicht von ungefähr entstand der Ausdruck „Wegwerfgesellschaft“ in den 60er Jahren, zu einer Zeit, als preisgünstige Produkte aus Kunststoff sich in rasantem Tempo immer größere Marktanteile eroberten. Im Bereich des Sammlerspielzeugs hat dies zur Folge, dass heutzutage ehemals teure Produkte bekannter Hersteller im Vergleich zu den damals wesentlich weiter verbreiteten Plastikspielzeugen unverhältnismäßig häufig zu finden sind.

Nun soll wahrlich nicht infrage gestellt werden, dass ein hoher Anteil dieser oft recht kurzlebigen Billigware vollkommen zu Recht schon bald den Weg in die Mülltonnen fand.

Im vorliegenden Fall jedoch offenbaren einige auf den ersten Blick möglicherweise banal erscheinende Plastik-Geschirre bei näherer Betrachtung ein durchaus ansprechendes Design oder besitzen zumindest eine hohe Aussagekraft bezüglich Ihrer Herstellungszeit, weil sie höchst anschaulich die Formen, Farben und Dekore ihrer Vorbilder widerspiegeln. So orientieren sich in den fünfziger Jahren beispielsweise einige Geschirrentwürfe an der aktuellen Damenmode, wodurch die charakteristische Linienführung von Christian Diors New Look kurioserweise Einzug in die Geschirrschränke hält. Die prägnante Silhouette mit Glockenrock und Wespentaille findet ihre Entsprechung in sich zur Mitte hin verjüngenden Kaffeekannen und gelangt als spielgerechtes Abbild in Form von Puppengeschirr somit auch in die Kinderzimmer.

Leider werden Miniaturen aus Plastik vom Gros der Puppengeschirrsammler kaum oder überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, obwohl sich bereits die Entwicklungsgeschichte der Kunststoffe kaum weniger spannend präsentiert als die des Porzellans.

Die erste überlieferte Anleitung zur Herstellung eines Kunststoff-Vorläufers stammt bereits aus der Zeit um 1530, als Alchimisten allenthalben auf der Suche nach einer haltbareren Alternative für im Laufe der Zeit sich abnützende oder brüchig werdende Materialien wie Holz, Leder und Horn sind. Ihre Aufzeichnung ist dem Andechser Benediktinerpater Wolfgang Seidel zu verdanken, der innerhalb seiner Sammlung wissenschaftlicher Schriften eine entsprechende Rezeptur notierte, die der Schweizer Kaufmann und „Hobby-Alchimist“ Bartholomäus Schobinger wohl auf einer seiner vielen Reisen erfahren hatte. Magerkäse bildet den Grundstoff für eine „durchsichtige Materie“, die „man mag formen wie man will, die auch durchsichtig bleibt, mag man sie färben“. Gleichen Ursprungs ist mehr als 300 Jahre später ein Kaseinharz, das gegen Ende des 19. Jahrhunderts mitverantwortlich für den immensen Erfolg der legendären „Anker-Steinbaukästen“ zeichnet. Die als Flugpioniere zu Berühmtheit gelangten Brüder Gustav und Otto Lilienthal entwickelten für diesen Zweck Spielbausteine aus einer Mischung von Sand, Kreide und Leinöl, die durch eben dieses Harz eine feste Konsistenz erhielt. Die kommerzielle Ernte der Baukästen fuhr jedoch ein anderer ein, da sie sich während der langwierigen Forschungszeit in Schulden stürzten und infolgedessen gezwungen waren, ihre Idee zu verkaufen.

Wie auf vielen anderen Gebieten auch war ebenfalls bei der Entstehung von Kunststoffen nicht selten der Zufall mit im Spiel. So wischte der Schweizer Chemiker und „Entdecker“ des Ozons, Christian Friedrich Schönborn, mit einem Baumwolltuch verschüttete Schwefel- und Salpetersäure auf und mag sich nicht wenig erschreckt haben, als das zum Trocknen über einen Ofen gehängte Tuch urplötzlich Feuer fing und verpuffte: die Schießbaumwolle „war erfunden“. Im Zuge seiner weiteren Forschungen tränkt er die Baumwolle nicht mit Säuren, sondern taucht sie in Lösungsmittel und nachdem diese sich verflüchtigt haben, bleibt eine zähe, durchsichtige Masse übrig. Schönborn gibt der neuartigen Substanz den Namen „Kollodium“ und bereitet damit den Boden für spätere Weiterentwicklungen wie beispielsweise das von Alexander Parks kreierte Parkesin, aus welchem erstmals Gebrauchsgegenstände aus Kunststoff hergestellt werden, die auf der Londoner Weltausstellung von 1862 für Furore sorgen. Auch dem Celluloid liegt eine nicht alltägliche Geschichte zugrunde. Legendärer Impuls für seine Entwicklung war das Preisausschreiben eines Herstellers von Billardkugeln, der einen Ersatzstoff für das aufgrund der wahllosen Abschlachtung von Elefanten immer seltener werdende Elfenbein suchte. Der Celluloid-Erfinder John Wesley Hyatt jedoch verzichtete auf die für den Sieger ausgesetzte Summe von 10.000 Dollar, gründete stattdessen lieber eine eigene Firma und gelangte derart zu beträchtlichem Wohlstand.

Ein weiterer Quantensprung bezüglich der Verbesserung des Kunststoffs gelang dem belgischen Forscher Leo Hendrik Baekeland. Hochbegabt und bereits in jungen Jahren finanziell abgesichert durch den Verkauf eines von ihm erfundenen Fotopapiers an Kodak, begibt er sich auf die Suche nach neuen Herausforderungen und findet ein Problem, an dem sich die Wissenschaft bereits seit drei Jahrzehnten die Zähne ausbeißt: Durch die Verbindung von Phenol und Formaldehyd soll zwar die Schaffung eines neuartigen Materials mit bisher nicht gekannten positiven Eigenschaften möglich sein, doch die praktische Umsetzung dieser Theorie ist bis dahin noch niemandem gelungen. Auch Baekeland erleidet eine Vielzahl von Fehlschlägen, bis ihm im Jahr 1907 endlich der Durchbruch gelingt. Das nach ihm benannte Bakelit erfüllt alle Erwartungen bezüglich Formbarkeit, Belastbarkeit sowie Hitzebeständigkeit und erweist sich, da es zudem keinen Strom leitet, als ideales Material für die Fertigung von Gehäusen elektrischer Geräte.

Spielgeschirr aus Bakelit

Bakelit startet einen Triumphzug ohnegleichen, durch die Möglichkeit der Massenproduktion werden viele zuvor nur Besserverdienenden vorbehaltene Produkte, wie beispielsweise Radios, nun auch für breitere Käuferschichten erschwinglich. Doch gänzlich perfekt ist auch diese neue Substanz noch nicht, da sie sich nur in dunklen Tönen herstellen lässt und zudem nicht geschmacksneutral ist. Aber da die Geschichte des Kunststoffs vor allem durch eine Aufeinanderfolge von Weiterentwicklungen geschrieben wird, werden auch diese Nachteile aus der Welt geschafft. Das englische Chemieunternehmen British Cyanides entwickelt 1926 ein nahezu durchsichtiges und daher ebenfalls in hellen Farben einfärbbares Kunstharz namens Ureumformaldehyd, welches, verarbeitet zu Küchengeschirr und verschiedenen Behältnissen, bei seiner erstmaligen Präsentation im legendären Londoner Konsumtempel Harrods für großes Aufsehen sorgt und die Zahl der Verwendungsmöglichkeiten von Kunststoff noch einmal beträchtlich erhöht.

"The Miniature TEA SET IN PLASTIC – Brilliant Pastel Shades Unbreakable"

Doch nicht nur verbesserte Herstellungsrezepturen sorgen für eine immer weitere Verbreitung, sondern auch die Entwicklung innovativer Produktionstechniken. Bekamen die bisher gebräuchlichen, unter Einwirkung von Hitze fest bleibenden Duroplaste durch Pressen ihre endgültige Gestalt, werden nun die durch Wärmezufuhr verformbaren Thermoplaste im sogenannten Spritzgussverfahren mit hohem Druck durch Düsen in entsprechende formgebende Vorlagen gespritzt. So ist Polystyrol zwar seit langem bekannt, aber erst die Perfektionierung dieser Technik verhilft dem Werkstoff in den späten 1940er Jahren zum Einsatz in vielfältigen Anwendungsbereichen. „Es ist das ideale Medium für Gebrauchsgegenstände. Aus Polystyrol waren jetzt die Radiogehäuse, aus Polystyrol waren die so beliebten Wandkacheln, und aus Polystyrol war all das billige Spielzeug, das nach dem Krieg den Markt überschwemmte“, beschreibt Udo Tschimmel ausführlich diese und alle anderen hier angerissenen und vereinfacht dargestellten Entwicklungen in seinem leider vergriffenen, aber als Standardwerk zum Thema Kunststoff-Geschichte noch in vielen öffentlichen Bibliotheken vorzufindenden Buch „Die Zehntausend-Dollar-Idee“.

Auch das Fachorgan der Spielwarenfabrikanten und  -händler  „Das Spielzeug“ widmet sich 1960 in aller Ausführlichkeit den Spritzgussautomaten sowie ihren Funktionen und stellt zudem in der Spielzeugindustrie verwendete Kunststoffe vor. Polystyrol „kann in verschiedenen Körnungen, glasklar und in zahlreichen Einfärbungen geliefert werden. Dank seiner fast unbegrenzten Färbbarkeit gehört es zu den farbenfreudigsten Kunststoffen. Das Rohmaterial lässt sich ausgezeichnet verarbeiten, die Artikel bekommen einen brillanten Oberflächenglanz.“ Ein Glanz, der bei der Herstellung „von größeren Puppen nicht gerne gesehen wird, weil diese anschließend durch Überspritzen mit Farbe mattiert werden müssen.“ Ein Glanz aber, der bei der Fertigung von Puppengeschirren durchaus erwünscht ist und diesen Rohstoff für deren Herstellung geradezu prädestiniert. Polystyrol in den verschiedensten Farbvarianten ist daher in der Regel das Ausgangsmaterial für zu dieser Zeit produzierte Kunststoffgeschirre, die vereinzelt bereits zu Beginn und immer häufiger dann ab Mitte der 50er Jahre unter der sich in der Nachkriegszeit einbürgernden Sammelbezeichnung „Plastik“ angeboten werden. Der größte und folglich in der Werbung am häufigsten herausgestellte Vorteil dieses als „nahezu unzerbrechlich“ gepriesenen Materials liegt aber sicherlich in seiner hohen Widerstandsfähigkeit. So braucht „das kleine Mädchen nicht mehr zu erschrecken, wenn ihm beim Abwasch einer der rot glänzenden Teller oder ein strahlend blauer Becher aus der Hand rutscht und in lustigen Sprüngen über den Fußboden hüpft.“

„Neuartiges Puppengeschirr“, Produktionsgemeinschaft des Holz- und Kunststoffverarbeitenden Handwerks, „Elbefaß Dresden“, 1961

Im Jahr1960 buhlt bereits ein knappes Dutzend von in „Das Spielzeug“ annoncierenden Firmen um die Gunst der Interessenten an derartigen Spielwaren. Wenn man berücksichtigt, dass allein der Ansbacher Produzent Bellmann & Co („Belco“) laut Eigenwerbung „über 100 Modelle Kinder-Plastikservice“ in seinem Sortiment hat, ist es umso erstaunlicher, wie wenige heute noch davon erhalten sind. Das „Kunstharz, Preß-, Spritz- und Metallwerk“ Bellmann & Co gehört mit zu den frühesten Anbietern auf diesem Sektor und präsentiert bereits 1955 „ein Puppen-Speiseservice mit Gläsern und Bestecken, alles aus Plastik, in besonders hübscher und zweckmäßiger Verpackung“. Die dekorative Anordnung des Inhaltes dient nicht nur der Verkaufsförderung, sondern birgt natürlich auch einen pädagogischen Hintergrund: “Der bunt bebilderte Karton enthält eine Karte, auf der die einzelnen Gegenstände mit Gummifäden in Tafelordnung aufgeheftet sind. Die kleine Hausfrau kann die Sachen nach Gebrauch wieder an derselben Stelle befestigen. Dabei prägt sie sich unwillkürlich die richtige Art des Deckens ein.“

"Puppen-Speiseservice mit Gläsern und Bestecken", Bellmann & Co., No.461, 1955

Die schöne und aufwändige Befestigungsart erweist sich wohl als zu kostenintensiv und wird leider bald durch das Einstecken der einzelnen Teile in Papierlaschen ersetzt. Sehr ansprechend sind auch die in verschiedenen Variationen gelieferten Service dieser Firma aus transparentem eingefärbtem Kunststoff.

Bellmann & Co., Ansbach
Bellmann & Co., Ansbach
Bellmann & Co., Ansbach

Ob er allerdings ein umfangreiches und schaurig-schönes „edles Service mit Goldrand“ aus Plastik als sammelnswert einstuft, sei dem jeweiligen Betrachter selbst überlassen, „einzigartig“ ist es jedoch allemal.

Zu den Konkurrenten von Bellmann & Co zählt die Firma Manurba-Plastik (Manfred Urban, Bamberg). Diese offeriert die Puppenservices als „Mädchenartikel in begeisternder Aufmachung zu einem nicht zu unterbietenden Preis“ und verspricht den Spielwarenhändlern „Begeisterung der Kunden“ durch den Verkauf von Manurba-Plastik-Spielwaren, und damit ein „gutes, saisonunabhängiges Geschäft“. Auch der günstige Endpreis dient als Argument: “Ihre Beliebtheit bei den Kindern und ihr dem Taschengeld angepasster Preis haben unsere Produkte zu begehrten Verkaufsartikeln werden lassen.“

Manurba-Plastik, Bamberg, 1960
Manurba-Plastik, Bamberg, 1960
Manurba-Plastik, Bamberg, 1960

Bei nahezu allen Anbietern bietet ein ansprechend gestalteter Geschenkkarton einen zusätzlichen, wenn nicht sogar entscheidenden Kaufanreiz. So auch bei der „Fabrik für Spritzgusswaren“ Otto Lynker GMBH aus Carthausen/Westfalen, die ihre „aus hygienisch einwandfreiem thermoplastischen Material hergestellten, heiß abwaschbaren und nahezu unzerbrechlichen“ Artikel ausschließlich „in geschmackvollen Kartons“ liefert.

"Ein Spiel-Service für die kleine Puppenmutti", Otto Lynker GmbH, Carthausen, 1959

Auf die Wirkung des Spielzeugs selbst hingegen vertraut „die Fabrik feiner Spiele und Spielwaren“ O. & M. Hausser aus Neustadt bei Coburg, die ihre Services 1957 in einer Schachtel mit Sichtfenster feilbietet und im dazugehörigen Werbetext einen wahren Bindestrich-Bandwurm kreiert: „Eine Parallele zu den bekannten hübschen HAUSSER-Plastik-Kaffee-Servicezusammenstellungen ist das zur diesjährigen Messe neu herausgekommene Tee-Service, natürlich auch in einer reizenden Geschenkpackung.“  Weitere nennenswerte Hersteller sind die Norddeutsche Plastic KG in Hamburg (NP),  Plasticum-Spielwaren in Nürnberg sowie die ebenfalls auf dem bundesdeutschen Markt vertretenen GOWI (Kunststoffspielwaren-Erzeugung Gottfried Witiz) aus Graz/Österreich, William THURIS, Fabrik für Plastik-Spielwaren aus Kopenhagen/Dänemark und die Firma E. Koopmann aus Amsterdam/Niederlande.

"Neues Kinderspielservice aus Plastik, rot mit schwarzem Dekor, verpackt im dreifarbigen Karton" - Hersteller: Dr. Walter Roehler KG, Spielwarenfabrik, 855 Forchheim, Reichbrunstraße 3

Besonders erwähnens- und sammelnswert sind sicherlich die Mitte der 60er ausgesprochen modern und plakativ gestalteten Schachteln der Dr. Walter Roehler KG in Forchheim.  Firmengründer Walter Roehler übernahm 1936 von seinem Vater Rudolf die Leitung einer 1872 im thüringischen Garsitz bei Königsee gegründeten Porzellanmanufaktur, welche auch Puppengeschirr herstellte. 1947 wurde er von den sowjetischen Besatzern enteignet und übersiedelte in den Westen, wo er erst einige Jahre als Angestellter arbeitete, um dann seine eigene Spielwarenfabrik aufzubauen. Diese existierte bis zum Jahr 1996 und fertigte bis zuletzt das zwar anfangs recht profitable, vom Firmengründer selbst aber eher aus der Not heraus denn aus Liebe zum Objekt produzierte Plastikgeschirr. Immerhin gehört die Roehler KG zu den wenigen Firmen, deren Produkte durch eine Herstellerangabe, in diesem Fall durch das Firmenlogo auf der Schachtel (geschwungenes „R“ in stilisierter Kaffeekanne), zweifelsfrei identifizierbar sind. Ansonsten bleibt dem an Klassifizierung interessierten Sammler nur das Stöbern und Vergleichen in zeitgenössischen Spielzeugkatalogen und –zeitschriften. 

"Puppengeschirr aus Hartplaste", Mende Mechanik Plastik, DDR
"Neuartiges Puppengeschirr - zerbricht nicht beim Hinwerfen"
ESPEWE Spielwaren, VEB Spezialprägewerke Annaberg-Buchholz

Fabriziert werden die Geschirre im VEB Modell- und Plastspielwaren-Kombinat Annaberg, wo diese Vorgaben offensichtlich Gehör finden: “Das neue Tee-Service ist sehr modern gestaltet. Auch die Verpackung, eine mehrfarbig bedruckte und grafisch hervorragend gestaltete Faltkartonage mit Klarsichtfenster, erfüllt internationale Ansprüche.“ Angeboten werden „über 50 Speise-, Kaffee-, Tee- und Abendbrot-Service aus Plast für die Puppenmutti in verschiedenen Größen und Variationen. Designer bekannter Porzellan-Hersteller sind die Gestalter der neuen Formen und Dekore.“ Diesem hohen Anspruch gerecht zu werden versucht auch der Begleittext zu einem 1970 auf der Leipziger Herbstmesse vorgestellten Kindergeschirr, der sich liest, als wäre er dem Hochglanzprospekt einer renommierten Manufaktur entnommen: “Das Exquisit-Kaffeeservice für vier Personen mit dem Dekor ‚Drachen’ (Meißner Art) besitzt hervorragende Farbkompositionen (Silber- und Goldeffekte auf Grundweiß mit klassischen und modernen Dekors). Es verwöhnt die kleinen Kaffeetrinker auch durch eine Leuchtergarnitur, die als Tafelschmuck dient.“  In der DDR selbst gab es über die im eigenen Lande produzierten Geschirre hinaus entsprechende Artikel unter anderem aus Kuba, der Tschechoslowakei und der Sowjetunion zu kaufen.

Angesprochen werden sollten schließlich noch die in den 50er und 60er Jahren überaus beliebten Werbebeigaben. Dabei handelte es sich zumeist um kleine Spielzeuge, die einige Firmen beim Kauf ihrer Erzeugnisse spendierten und damit sowohl Eltern als auch Kinder erreichten. Letztere wurden auf diesem Wege nebenbei mit dem jeweiligen Firmennamen vertraut gemacht, weil diese Zugaben in der Regel auf das Sammeln ganzer Serien ausgelegt waren und die Kinder daher bei Gefallen den Kauf eines ganz bestimmten Produktes forcierten. Am bekanntesten sind in diesem Zusammenhang sicher die legendären „Margarinefiguren“, weite Verbreitung fanden ebenfalls Sammelbilder, kleine Plastikautos und Puppengeschirrteile. Letztere wurden natürlich aus Kostengründen in einem kleineren Maßstab gefertigt, als die bisher beschriebenen Objekte, erfüllten im Spiel aber nichtsdestotrotz ihren Zweck und überraschen durch klares Design, Detailtreue und Vielfalt. So weist ein entsprechendes Spielzeug des Kaffee-Rösters Quieta in seiner Formgebung durchaus Ähnlichkeiten mit dem meistverkauften „echten“ Service der Nachkriegszeit, „Anmut“ der Porzellanfabrik Heinrich in Selb auf, und ein Geschirr der Firma Funck beinhaltet neben den obligatorischen Tellern und Tassen sogar Eierbecher, Butterdose mit Deckel und einen Tortenheber.  

 

Nicht ganz leicht fällt es also, das Sammelgebiet „Puppengeschirr aus Kunststoff“ exakt einzugrenzen, zu unterschiedlich sind die produzierten Maßstäbe und zu oft finden sich aus „Mutters Küche“ entliehene Gefäße in den Kinderzimmern wieder. Einleuchtend erscheint daher Stefanie Ludwigs in ihrem Buch „Puppengeschirr“ nachzulesende Definition: „Puppengeschirr ist nicht nur das, was ein Produzent für das Kinderspiel gefertigt hat, sondern alles, was ein Kind dafür benutzt, sei es ein eigens für dieses Spiel produziertes kleines Service, sei es ein aus dem elterlichen Haushalt entliehener kleiner Teller oder Becher, sei es etwas sonst wie Zweckentfremdetes.“

Von der Bronzezeit an, die im Vorderen Orient bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. begann, in Europa hingegen erst ein Jahrtausend später, findet sich Spielgeschirr bei allen Kulturvölkern der Erde. Wie die Puppen selbst ging es zumeist aus kultischen Bräuchen hervor, diente später aber ausschließlich dazu, auf spielerische Art und Weise die Tätigkeiten der Mutter nachzuahmen. Häufig zur Herstellung verwendete Materialien waren, den jeweiligen Zeiten, Umständen und Geldbörsen entsprechend, Ton, Holz, Steingut, Zinn, Kupfer, Silber oder Elfenbein. Geschirre aus Glas oder Porzellan kamen erst Mitte des 19. Jahrhunderts auf und waren aus der Not der Glashütten und Porzellanmanufakturen geboren, die mit Absatzflauten zu kämpfen hatten und mit ihren freien Kapazitäten unter anderem Puppenteile und Service herstellten, die auf Jahr- und Krammärkten billig verkauft wurden. Da die Produzenten darauf in der Regel nicht besonders stolz waren, sind die wenigsten dieser Stücke signiert.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bevorzugt man preisgünstiges und unzerbrechliches Blechgeschirr, das mit einem einfachen Farbanstrich versehen wird, später werden die Stücke dann emailliert. Auch zunächst als gesundheitsgefährdend eingestuftes Geschirr aus Aluminium erfreut sich nach Zerstreuung anfänglicher Bedenken großer Beliebtheit und findet sich heute, neben Stücken aus den anderen „klassischen“ Materialien, lückenlos dokumentiert in den Vitrinen von Sammlern und Museen. Objekte aus Kunststoff hingegen sucht man dort leider meistens vergebens. 

©Text / Fotos: Jörg Bohn (VG Wort)

Erstveröffentlichung im Sammlermagazin „Trödler“ Heft 2/07

Spielgeschirr "minica-set"
Spielgeschirr "Für unsere Kleinen"
"Fruchtsaftgarnitur", VEB Spezialprägewerke Annaberg-Buchholz (Vielen herzlichen Dank an die Sammlerin Erika Schönhoff, die es entdeckte und an mich dachte:-)
Spielgeschirr aus russischer(?) Produktion
"midi-set", mit tollen Untersetztern und Servietten im Stil der Zeit, Schachtel: 45 x 35 x 8 cm
Plastik Kaffee-Servive VEB Kunststoffverarbeitung Zschopau
"Made in Italy", wohl um 1970
Kinder Service - "Komm, spiel mit mir. Ich hab' auch ein neues Kinderservice." - Norddeutsche Plastik
Tupperware Toys - "Mini Serve It" - "Tischlein-Deck-Dich"