Spiel-Kaufläden der 50er und 60er Jahre
Kaufladen-Design
Die Spielkaufläden im Deutschland der Nachkriegszeit unterscheiden sich noch wenig von ihren Vorgängern aus den 1930er Jahren. Wie in den deutschen Wohnzimmern, in denen nahtlos an die „gute alte Zeit“ angeknüpft werden soll, als hätte es den Krieg nicht gegeben, und in denen die Möbel in den Nachkriegsjahren dem Geschmack ihrer Bewohner zufolge wie in den 1930ern in erster Linie solide, langlebig und möglichst auch repräsentativ sein sollen, ist in den Einkaufsstätten ebenfalls gediegene Zweckmäßigkeit angesagt. Meist findet man raumhohe hölzerne Wandregale und massive schwere Verkaufstheken, die wiederum auch in den Spielzeugläden zu entdecken sind. Einkaufen ist längst noch kein „Shopping“-Erlebnis wie heutzutage, sondern in der Regel eine schlichte Notwendigkeit. – Erst als es Mitte der Fünfziger Jahre dann einer breiteren Bevölkerungsschicht materiell besser geht, können sich die Menschen wieder mit Dingen beschäftigen, die über die Befriedigung der Grundbedürfnisse hinausgehen.
In den Geschäften findet dies seine Entsprechung darin, dass die Inneneinrichtung – zumindest in der Bundesrepublik – über ihre Zweckmäßigkeit hinaus eine zum Verweilen einladende Atmosphäre erzeugen soll. „König Kunde“ benötigt mittlerweile nicht mehr nur Artikel für den täglichen Bedarf, sondern ist zusätzlich offen für den Kauf von Luxusgütern und will umworben sein. – Helle Räume, leichte, luftige Bauweisen, Pastelltöne im Stil der Zeit sowie Glastheken und -vitrinen, die den ungehinderten Blick auf die Waren zulassen, schaffen Kaufanreize und zugleich ein Umfeld, in dem der potenzielle Käufer sich wohlfühlt.
Nicht nur die in Westdeutschland produzierten Kaufläden lassen dies erkennbar werden, sondern ebenfalls die Kaufmannsläden aus Deutschland-Ost. Schließlich war ein nicht geringer Prozentsatz letztgenannter für den Export bestimmt.
Einige der an dieser Stelle gezeigten Kaufläden wurden bewusst nicht eingerichtet, um deren zum Teil bemerkenswertes Design besser zur Geltung zu bringen.
Themen-Kaufläden
Wie bereits an anderer Stelle (auf der Seite „Über dieses Museum“) erwähnt, habe ich viele der Kaufläden der Sammlung von den ursprünglichen Besitzern bekommen. Während die Spezialisierung auf bestimmte Waren bei antiken Stücken durchaus üblich war, habe ich bei Objekten der Nachkriegszeit jedoch nie erlebt, dass ein Kind einen Kaufladen speziell als Mottoladen (Lampenladen, Blumenladen, Modeladen etc.) eingerichtet hatte. Die meisten derartigen Kaufläden jüngeren Datums wurden also von Sammlern zusammengestellt und waren in dieser Form wohl nie in Kinderhand. Da ich ja eigentlich „streng museal“ sammle, habe ich das immer ein wenig geringgeschätzt. Bis es mich dann irgendwann selbst überkam, denn: Erlaubt ist, was gefällt – solange es entsprechend deklariert wird! Nachfolgend also einige von mir zusammengestellte Themen-Kaufläden.
Kaufladen von Linus Dähnert/DDR, der in verschiedenen Varianten hergestellt wurde, so z.B. mit Glasregal auf der rechten Seite oder mit Lackierungen in anderen Pastellfarben. Um 1960, Maße 65 x 27,5 x 27 cm.
Elektroladen – Das Gehäuse hat die Maße 77 x 47 x 54 cm und ist fest auf einem 53 cm hohen Hocker montiert, in dem sich der Trafo befindet. Beim Öffnen der Tür ertönt automatisch eine Klingel, die Beleuchtung ist in sechs Stufen schaltbar. Auf dem Bogen über dem Eingang erscheint das Wort „Kaufhaus“. Die Einrichtung wurde von mir zusammengestellt. – Den Laden hatte ich einmal bei einer Internetauktion ersteigert und, weil ich ihn so toll fand (und immer noch finde!) extra 300 Kilometer weit aus der Gegend um Kassel abgeholt. Ein Handwerker hatte ihn in einem alten Haus gefunden und mitgenommen. Leider wusste er nichts über die Geschichte des Objektes. Falls also jemand das schöne Stück wiedererkennt, freue ich mich sehr über jede Information.
Cremefarbener Kinder-Kaufladen um 1955 mit sehr schöner, frei verschiebbarer Rundvitrine. Hersteller: Linus Dähnert, Fabrik Feiner Holzspielwaren, Wünschendorf/Erzgebirge. Maße 64 x 35 x 28 cm. Von mir eingerichtet mit Sammelstücken zum Thema Café/Konditorei.
Stand-Kaufläden
Allein schon durch ihre Größe nehmen Standkaufläden unter den Kaufmannsläden eine Sonderstellung ein. Aufgrund ihrer realitätsnahen Bespielbarkeit für viele Kinder sicherlich das Nonplusultra, fanden sie mangels notwendigem Platz jedoch verhältnismäßig selten den Einzug in die flächenmäßig noch spärlich bemessenen Kinderzimmer der 1950er- und 1960er Jahre. Auch der Anschaffungspreis war recht hoch. War ein einfacher Tischkaufladen zu Beginn der 60er bereits für 5,40 DM zu erwerben, mussten für die günstigste Version eines großen „Kaufstandes“ bereits mindestens 29 DM angelegt werden. Und während die kleinen Läden, kompakt in Kartons verstaut, oftmals viele Jahre in Kellern und auf Dachböden ihren Dornröschenschlaf hielten (oder noch halten), landeten ihre großen und schwierig unterzubringenden Gegenstücke leider oftmals im Sperrmüll.
Ein Standkaufladen, der von privater Hand gekonnt mit verschiedenen Leckereien aus der Speisekammer bemalt wurde. Platzbedarf ca. 88 x 43 x 90 cm, die Bestückung wurde nachträglich zusammengestellt. Darauf, Südfrüchte kaufen zu können, waren die Bundesbürger besonders stolz und empfanden diese gar als eine Art Statussymbol. Als gegen Ende der 50er Jahre mit den ersten Nonstop-Flügen in die USA das Düsenzeitalter beginnt, ist man sogar weltweit der größte Importeur dieser exotischen Bereicherung des Speisezettels. – Die dicke Speckschicht des aufgemalten Räucherschinkens kann als Beleg für die nach den Mangeljahren der Nachkriegszeit einsetzende „Fresswelle“ gesehen werden. Im Bedürfnis, lang Entbehrtes nachzuholen, schossen die Bundesbürger bald über das Ziel hinaus. Fast noch wichtiger als die Qualität wurde nämlich die Quantität. Viel und fett zu essen galt als gesund und Übergewicht war Symbol des neu erworbenen Wohlstandes – was eindrucksvoll auch an Ludwig Erhard, dem „Vater des Wirtschaftswunders“, zu erkennen war.
Standkaufladen der Firma Kindler & Briel (Kibri), um 1957. Platzbedarf ca. 90 x 52 x 92 cm. Da die originalen Bestückung leider nicht mehr vorhanden war, habe ich ihn eingerichtet mit einer Mischung aus Kinderkaufladen-Verpackungen und zeitgenössischen „echten“ Packungen und Warenproben, die nach Verbrauch des Inhalts oft eine Zweitverwertung in den Spielläden fanden. Ich bedanke mich für dieses tolle Stück und ebenso für das originale Foto ganz herzlich bei Patricia: „Dies ist mein alter Kaufladen von – glaub’ ich – 1957. Ich bekam ihn zu Weihnachten nach einem langen Krankenhausaufenthalt und war absolut selig darüber.“
Der Standkaufladen „Warenausgabe“ als Hingucker bei meiner Wanderausstellung „Im Kinderzimmer wird’s orange! – Spielzeug der 1960er und 1970er Jahre“, hier die Stationen Spaichingen und Reutlingen. – Mehr auf der Seite „Ausstellungen“.
Kinder-Kaufladen, DDR, Platzbedarf ca. 70 x 43 x 82 cm. Der weitverbreitete Tischkaufladen „Naschkatze“ wurde durch ein offenbar selbstgebautes Gestell zu einem Standkaufladen umfunktioniert.