DDR-Grossblock-Baukasten
Um das Problem von zu wenig Wohnraum in den Griff zu kriegen, forcierte die DDR zum Ende der 1950er Jahre die Industrialisierung des Bauens durch Montagebauweisen, bei denen in Betonwerken vorgefertigte Bauelemente mithilfe von Hebezeugen zu Bauwerken zusammengesetzt werden. Auf diese Weise können nicht nur wesentlich schneller, sondern auch erheblich kostengünstiger neue Wohnungen geschaffen werden, als durch die traditionelle Stein auf Stein Methode. Man hatte schon länger mit diesem in den Grundzügen seit 1910 bekannten Verfahren experimentiert und bereits 1953 in Berlin-Johannisthal das erste Wohnhaus mit der rationellen neuen Technik fertiggestellt. Das war diesem jedoch von außen nicht anzusehen, da die Fugen zwischen den einzelnen Elementen verputzt und die Gebäude zusätzlich mit allerlei schmückendem Beiwerk optisch aufgewertet wurden. Dass die neue Fertigungsart seinerzeit aber noch nicht in großem Umfang eingesetzt wurde und es daher im Wohnungsbau nach wie vor nicht so recht voranging, lag nicht zuletzt darin begründet, dass im 1950 beschlossenen Fünfjahresplan der DDR zunächst dem Aufbau der Industrie die oberste Priorität eingeräumt werden musste. Erst im Siebenjahresplan von 1959 wird die Schaffung von Wohnraum, zumindest auf dem Papier, zu einem der Schwerpunktthemen: „Zur Befriedigung des großen Wohnbedarfs ist ein Wohnbauprogramm vorgesehen, das den Bau von mindestens 772000 Wohnungen bis zum Jahre 1965 umfasst“, berichtet in der Folge das SED-Organ Neues Deutschland über das anvisierte Planziel und prophezeit: „Die Montagebauweise wird im Verlauf des Siebenjahresplans zum vorherrschenden Bauverfahren in unserer Republik“. Für die Autoren des seinerzeit erschienenen Buches „Unsere Welt von Morgen“ ist dadurch bereits „Das Ende aller Wohnraumnöte in Sicht! Walzstraßen von 120 m Länge `backen` Beton- und Gipsplatten für die Montagebauweise buchstäblich am laufenden Band.“ Voraussetzung für eine möglichst ökonomische Produktion ist die vom VEB Typenprojektierung vorgenommene „Typung“, durch die „die wesentlichen Merkmale wie Art, Form, Größe, Zweck usw.“ festgelegt werden. Unterschieden werden muss innerhalb des Verfahrens zwischen Großblock-, Streifen- sowie Plattenbauweise, die jeweils durch Größe und Gewicht der einzelnen Bauelemente variieren, die mit 2 Quadratmetern und 750 Kilogramm Maximalgewicht beim Großblock beginnen und bis hin zu 12 Quadratmetern und 12 Tonnen Gesamtgewicht beim Plattenbau reichen. Bei der Montage werden schließlich die Wandelemente durch Mörtel dauerhaft verbunden, während die Deckenelemente zusätzlich miteinander verschweißt werden. „Damit günstige Voraussetzungen für eine Serienfertigung vorhanden sind, sollen zum Beispiel in den Städten nicht unter 250 und in den Dörfern nicht unter 20 Wohnungen an einem Standort errichtet werden“, erfährt der interessierte Leser in dem zeitgenössischen DDR-Lehrbuch „Der Montagebau“. Und in einem kleinen unscheinbaren Satz versteckt sich die Ursache für das, was sich im Laufe der kommenden Jahrzehnte in Form eines überaus monotonen Erscheinungsbildes als größtes Manko dieser Bauweise herauskristallisieren sollte: „Das Typenprojekt soll mit einer möglichst geringen Anzahl verschiedener Typenbauelemente entworfen werden.“
Zum Ausklang der 50er Jahre jedenfalls ist die Großblockbauweise die am weitesten verbreitete und so ist es nahe liegend, dass sich auch die Spielzeughersteller ihrer annehmen. Ein wohl ab 1958 von Manfred Schägner aus Tabarz im Thüringer Wald unter der Bezeichnung „Moderner Grossblock Baukasten“ hergestellter Steckbaukasten irritiert aber erst einmal durch sein Deckelbild, auf dem die Großblockbauten ausgerechnet an einen See inmitten einer Wüstenlandschaft platziert wurden. Was auf den ersten Blick nicht recht zusammenpassen will und sogar etwas bizarr anmutet, wird verständlicher, wenn man sich ein wenig eingehender mit den in vielen Büchern und Zeitschriften nachzulesenden Zukunftsvisionen dieser Zeit befasst, die als eine der größten technischen Herausforderungen der Menschheit die Urbarmachung der Wüste beschreiben: „Auch die Wüsten werden menschliche Behausungen aufweisen – nicht nur in den Oasen, und nicht nur bescheidene Dörfer. Zum Teil werden sie – durch klimatische Veränderungen großen Maßstabs … durch die Bewässerungen mithilfe der Atomenergie – in fruchtbare Gärten verwandelt und entsprechend besiedelt.“ So spiegelt die beschriebene Illustration also den Gipfel der damaligen Vorstellung von Fortschritt und mittendrin ist – natürlich – eine Großblocksiedlung.
Doch nicht nur die realen Baumethoden sind neu, auch im Spielzeugbereich hat sich etwas getan. Die im Inneren der Pappschachtel zu entdeckenden Elemente bestehen aus Kunststoff – in der DDR unter dem Sammelbegriff Plast geläufig – und bedienen sich damit eines zu dieser Zeit noch recht modernen Werkstoffes. Und eine weitere Parallele ist zu erkennen: Ebenso wie beim großen Vorbild wurde auch beim von Schägners Betrieb getreu nach dem großen Vorbild gefertigten Spielzeug offenbar versucht, die Anzahl unterschiedlicher Bauteile möglichst gering zu halten. Neben roten Dachelementen finden sich lediglich noch drei bezüglich ihrer Größe untereinander identische, aber als Fenster, Türen und „glatte Teile“ verschieden ausgeformte weiße Wandelemente. Diese und die Dächer weisen jeweils Zapfen auf, die mit blauen, entsprechend gelochten Verbindungsstreifen zusammengefügt werden können. Später wird das Sortiment noch um weitere Verbindungselemente („kleine und große Stege“) in unterschiedlichen Längen sowie „Dachstreifen“ in verschiedenen Größen ergänzt. Dies bringt mehr Variationsmöglichkeiten beim Aufbau mit sich und sorgt zugleich für eine höhere Stabilität, da „versetzt“ gebaut werden kann. In einem extra zu kaufenden „Zusatzbeutel zum modernen Grossblock Baukasten“ finden sich ferner Blumenkästen, die in die Fenster gesteckt werden können sowie Balkone mit kleinen Zapfen und dazu passende Türelemente mit Löchern, in die letztere eingedrückt werden können. 1960 siedelt Manfred Schägner in den Westen über, bezüglich des Verbleibs seiner Produktionsmaschinen ist nichts bekannt. Da die Kästen bereits gut eingeführt waren, kamen jedoch zwei Firmen im Nachbarort Waltershausen auf die Idee, unabhängig voneinander ihrerseits ihr Glück zu versuchen und bauten den Baukasten wohl ab 1961 und offenbar mit jeweils eigenen Maschinen nach.
Als Hersteller für „Der moderne Grossblock – Baukasten“, „Ein neuzeitliches Spielzeug – belehrend und unterhaltend“, zeichnet nun die Firma Anni Friedrich, Kunststofferzeugnisse, verantwortlich, unter deren Namen auch noch Schägners Lagerbestände verkauft werden. Darüber hinaus präsentiert Friedrich das Stecksystem in einer eigenen, neu gestalteten Verkaufspackung, deren Deckelbild jetzt ein im Vergleich zur „Wüstenstadt“ realistischeres Szenario zu bieten hat – abgesehen von einem vor den Gebäuden parkenden überdimensionierten Straßenkreuzer, der in dieser Form wohl eher selten auf DDR-Straßen zu erblicken war… Im Laufe der nächsten Jahre erfolgte eine Überarbeitung der Kästen, die auf spätestens 1964 zu datieren ist. „Die vor Dir liegenden Bauteile sind die neuesten und modernsten ihrer Art“, schwärmt die beiliegende Anleitung, „mit Ihnen kannst Du Wohnblocks im Stile unserer Zeit bauen.“ Zwar blieben die Grundelemente gleich, doch variierten jetzt die Farben von Dachelementen und Verbindungsstegen. Außerdem wurde der Umfang des Zubehörs beträchtlich erweitert, sodass mit Garagen samt dazugehörigen Autos, Laternen zur Straßenbeleuchtung, Zäunen, Sonnenschirmen und Liegestühlen sowie diversen weiteren Accessoires wesentlich abwechslungsreichere Spielsituationen gestaltet werden konnten als bisher. Auch das Deckelbild wurde wiederum modernisiert und blieb bis zum Ende der Friedrichschen Grossblockfabrikation unverändert, während die Kartons selbst häufiger die Farbe wechselten. Ob dies verkaufstechnisch bewusst gemacht wurde oder auf materialbeschaffungsspezifische Gegebenheiten zurückzuführen war, ist nicht bekannt. Der Clou der Neuheiten waren jedoch kleine Bildchen, die die Auslagen verschiedener Geschäfte abbilden, auf die Rückseiten der glatten Wandelemente geklebt waren und so als „Schaufenster“ verbaut werden konnten. Ein Prospekt von 1967 kündigt noch einen Plastikbaukasten „Flughafen“ an, jedoch wird der Betrieb ein Jahr später in den VEB Preßwerk Tambach in Tambach-Dietharz „eingegliedert“, was schließlich das Ende der Firma bedeutet.
Der andere „Nachbauer“ des Tabarzer Kastens ist Karl Ribarsch in Waltershausen, dessen Produkt ebenfalls auf den exakt gleichen Grundelementen basiert und der sich durch eine unkonventionelle Gestaltung seiner Schachteln von der Konkurrenz abzuheben versucht. Statt auf die bisher üblichen realitätsbezogenen Darstellungen zu setzen, kommt auf seinen Kästen ein von R. und Eleonore Partzsch gezeichnetes „pfiffiges Kerlchen“ daher, das innerhalb der beigefügten mehrseitigen, grafisch recht originell gestalteten Anleitung in flotten Reimen im zeittypischem Sprachklang die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten der Bauelemente erläutert: „Bild 1 zeigt einen Garagenbau – mit richt’gen Türen, du siehst es genau. – Ein Auto fährt gerade heraus – auch dieses Auto kannst du bauen, ei der Daus.“ In insgesamt drei Varianten bietet Ribarsch seinen Grossblock – Baukasten an. Kasten 1 enthält die Teile für das „normale“ Grossblockhaus, das mit den zusätzlichen Elementen sowie einigen Sonderteilen wie Drehtüren (!), großflächigen Fenstern und Treppen aus Kasten 2 zu einem „Hochhaus, Hotel oder Kaffeehaus“ erweitert werden kann. Kasten 3 beinhaltet Spezialteile zum Bau von „Groß-Tankstellen“ wie Garagentore, ein Auto und einen Traktor mit Anhänger. Leider verschwindet nach einigen Jahren (spätestens 1967) im Zuge einer optischen Neugestaltung der lustig reimende Knabe von den Baukastenkartons, stattdessen sind die aus dem jeweiligen Inhalt zu fertigenden Gebäude abgebildet. Von rechts oben lächelt dem Betrachter zwar erneut ein gezeichneter Junge entgegen, doch verkörpert dieser im Gegensatz zu seinem gewitzten Lausbuben-Vorgänger eher den Typ des ebenso braven wie langweiligen Musterknaben… Die Typenpalette der Baukästen jedenfalls wurde um zwei weitere auf nunmehr insgesamt fünf verschiedene Varianten erhöht. Neben den bereits zuvor beschriebenen kommt Typ 4 für „industrielles Bauen kleinerer Gebäude auf dem Land“ mit Dreiecksgiebeln, Sprossenfenstern sowie Dachelementen mit angedeuteten Dachziegeln hinzu. Komplettiert wird die Reihe durch „Kari Typ 5“, „Der kleine Gartenbau-Architekt“, mit dem sich „eine kleine Gartenbau-Ausstellung oder ein Kaffeehaus-Garten mit Blumenwiese“ arrangieren lassen. Ergänzend können jeweils noch Zusatzbeutel erstanden werden, passend zu Typ 5 beispielsweise der „Kari -Beutel ´Der kleine Gärtnermeister´“. Die wohl wichtigste Neuerung aber besteht in einer Änderung des Baukasten-Namens, der nun nicht mehr „Grossblock – Baukasten“ sondern „Der kleine Grossblock – Baumeister“ heißt. Letzteres ist durch den hohen Verbreitungsgrad der Ribarsch – Produkte auch heute noch das Synonym schlechthin für Baukästen dieser Machart aus DDR-Produktion.“ Wohl 1969 werden die Schachteln bunter. Die Abbildungen bleiben gleich, sind jetzt aber vor verschieden „knalligen“ Hintergrundfarben zu sehen, in denen auch die Kartons eingefärbt sind. Auf den Seitenlaschen der Deckel zeugen Übersetzungen ins polnische, französische und englische (Large Block Master Builder) davon, dass die DDR insbesondere im Spielwarenbereich beständig hohe Exportquoten nicht nur in die „sozialistischen Bruderländer“, sondern auch ins kapitalistische Ausland verzeichnen konnte.
1972 wird die Karl Ribarsch KG zum „Betriebsteil Waltershausen“ des VEB Chemisch-technische Erzeugnisse Gotha. Für eine Übergangszeit wird auf den Packungen lediglich das alte Kari-Logo gegen den neuen Markennamen plaspi ausgetauscht, danach werden die Schachteln vom „Atelier für Gebrauchsgraphik“ P.H. Becker in Leipzig komplett neu gestaltet. Die Übersetzung ins Französische fällt weg, dafür kommen russisch und ungarisch hinzu. Im neuen plaspi– Design wurden die „Grossblock – Baukästen Typ 1 – Typ 5“, wie datierte Kontrollzettel belegen, mindestens noch bis zum April 1990 in unveränderter Form weiterproduziert. Über eine offizielle Kooperation zwischen Ribarsch und Friedrich in den 60er Jahren ist nichts bekannt. Allerdings finden sich auf frühen Friedrich-Kästen Stempel mit der Buchstabenkombination KRW (wohl Karl Ribarsch Waltershausen) und der ursprüngliche Friedrich-Werbspruch „Ein neuzeitliches Spielzeug – belehrend und unterhaltend“ ist später auch auf den Kari – Baukästen zu entdecken.
Gänzlich nebulös wird es dann schließlich in Bezug auf einen vierten „Grossblockbaukasten“ aus westdeutscher Produktion, der sogar der älteste von allen ist. Bereits 1955 stellte die Firma Rex Plastik GmbH aus Nürnberg, ein Tochterunternehmen von Blechspielzeugfabrikant Karl Arnold unter Leitung seines Schwiegersohns Max Ernst, im Rahmen der Nürnberger Spielwarenmesse mit „Der kleine Baumeister“ einen Baukasten vor, der wiederum die bekannten Grundelemente enthält. Die hohe Qualität des verwendeten Kunststoffs, der im Gegensatz zu den DDR-Erzeugnissen auch nach über einem halben Jahrhundert nicht die geringsten Anzeichen von Vergilbung zeigt, spricht für eine Herstellung in der Bundesrepublik. Dass Großblockbauweise dieser Art zu dieser Zeit in Westdeutschland eher unüblich war, lenkt die Spurensuche wiederum nach Deutschland-Ost. Aber auch wenn die seinerzeitigen Zusammenhänge leider wohl nicht mehr abschließend geklärt werden können, legen verschiedene Anhaltspunkte immerhin die Vermutung nahe, dass es bei der Konzeption des Rex-Baukastens Ost-West Kontakte gegeben haben könnte, die damals wie heute nicht an die große Glocke gehängt werden sollten, durften oder wollten …