Modernes Wohnen in den 50er Jahren

Um vorab einmal die ganze Bandbreite der Puppenhauswelt anzudeuten, hier im direkten Kontrast zur spartanischen Einrichtung der vorangegangenen Seite ein Haus, das den bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder-Wohlstand dokumentiert, paradoxerweise aber – wie viele andere Häuser auch – in der sozialistischen DDR für den Export hergestellt wurde. Es ist mit allen zeittypischen Luxusartikeln vom Fernseher bis zum Kühlschrank ausgestattet und eine venezianische Andenken-Gondel im Wohnzimmer zeigt, dass sich die Familie auch bereits eine Urlaubsreise nach Italien leisten konnte.

Falls ich mich für ein 50er-Jahre-Lieblingshaus entscheiden müsste, fiele die Wahl mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Haus CONSTANZA vom VEB Holzspielwaren Grünhainichen im Erzgebirge, hergestellt ab 1961: Höchster Spielwert durch allseitige Bespielbarkeit, vereint mit einer mutigen und zugleich ausgesprochen gelungenen Linienführung. Aus jeder Perspektive offenbart dieses Haus immer wieder neue überraschende Einblicke.

"Haus Constanza", Einrichtung nachträglich zeittypisch zusammengestellt, Maße: 82 x 70 x 36 cm
Möbel: Paul Hübsch Puppenmöbel-Fabrik, Seiffen, Erzgebirge, Deutsche Demokratische Republik
Blumenharfe
Küchenzeile: Paul Hübsch Puppenmöbel-Fabrik, Seiffen, Erzgebirge, Deutsche Demokratische Republik

Gefragt! – Die „Constanza“- Küche in dem Magazin 1zu12 (Nr.29, Mai/Juni 2006) und – neben vielen anderen Objekten aus der Sammlung – in der Zeitschrift DAS NEUE BLATT (Hefte 47 und 48/2012).

Unverkennbare Ähnlichkeit: Titelbild der Zeitschrift "Selbst ist der Mann" (1959)
Caco-Biegepüppchen in Möbeln von "Paul Hübsch Puppenmöbel-Fabrik, Seiffen, Erzgebirge, Deutsche Demokratische Republik"
"Wir haben es geschafft...!" - Bausparkassenwerbung um 1960
"Modernes Wohnen...!" auch im Puppenhaus (1964)
"Modern und trotzdem gemütlich wohnen unsere Püppchen (1962)

Der Begriff „modern“ war im Zusammenhang mit „echten“ Möbel beileibe nicht uneingeschränkt positiv belegt. Moderne Sitzmöbel z.B. galten zwar als schick, wurden aber auch häufig als unbequem empfunden und fanden sich nicht selten auf den Witzseiten zeitgenössischer Zeitschriften wieder („So wohnt man modern“, 1957). Die oben zu sehende Katalogseite schlägt, sicherlich unfreiwillig, in dieselbe Kerbe und dokumentiert derart den schlechten Ruf der modernen – und oft auch nur modischen – Möbel auf das Schönste: „Modern und trotzdem gemütlich wohnen unsere Püppchen“.

Der 1938 entworfene "Hardoy Chair" wurde in Deutschland von der Firma Mauser als "Schmetterling" vertrieben. Ende der 1950er und in den 1960er Jahren ist der Schmetterlingssessel auf den Abbildungen vieler Einrichtungsratgeber als fester Bestandteil modernen Wohnens zu entdecken. Als Spielzeug der Firma Bodo Hennig war das alternativ auch Fledermaussessel genannte Sitzmöbel ab den frühen 1960er Jahren auch in Puppenstuben zu finden."
"Bizarre Sitzmöbel mit heiterer Bespannung verbreiten eine Atmosphäre stilvoller Behaglichkeit", Witzzeichnung (1955)
An "Haus Kathrin" , DDR, VEB Holzspielwarenfabrik Grünhainichen, produziert ab ca. 1962, habe ich mich auch nach vielen Jahren noch nicht sattgesehen. Es gehört sicherlich zu den interessantesten und gelungensten Nachkriegspuppenhäusern überhaupt und vereint eine Vielzahl von Stilelementen der 50er und 60er Jahre. Maße ca. 73 x 62 x 47 cm.  

„Auch Peter hat Anteil am Puppenhaus „Kathrin“, denn die Garage ist sein Bereich. Mädel und Jungen spielen gemeinsam mit diesem stabilen Puppenhaus, das von allen vier Seiten, ja mit jedem Fleckchen Spielmöglichkeiten bietet. Garage mit Klapptor, Dachgarten mit Sonnendach, Balkon, Freitreppe, Doppeltüren, Gartenleuchte und Hauseingang – an alles ist gedacht, was moderne Wohnkultur und zeitgemäßes Spielen einschließt.“

Puppenhaus mal anders… Im Rahmen einer Fotostrecke zum Thema „Schmuck“ im renommierten Süddeutsche Zeitung Magazin kam auch mein „Haus Kathrin“ zum Einsatz. Die gesamte Fotostrecke ist in der Ausgabe Nummer 13 / 28.März 2013 und online HIER zu sehen.

Bei dem seit 1973 von der Körber-Stiftung durchgeführten „Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten“ handelt es sich um den größten historischen Forschungswettbewerb für junge Menschen in Deutschland. Ich freue mich sehr, dass im begleitenden Printmagazin des Jahres 2022 zum Thema: „spurensuchen – Mehr als ein Dach über dem Kopf. Wohnen hat Geschichte“ ein Foto meines „Haus Kathrin“ Verwendung fand. – Passt!