(modern) paper dolls / Anziehpuppen / Ankleidepuppen
©Text / Fotos: Jörg Bohn / VG WORT Wissenschaft – Erstveröffentlichung im Sammlermagazin TRÖDLER, Heft 3/2009
Während es sich bei Ankleidepuppen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts um gesuchte Papierantiquitäten handelt, finden entsprechende Objekte jüngeren Datums hierzulande bisher nur bei einigen wenigen Liebhabern Beachtung. Dabei erweisen sich insbesondere amerikanische „Modern Paper Dolls“ als ebenso reizvolle wie aussagekräftige Zeitzeugnisse des „American Way of Life“ und warten förmlich darauf, von einer größeren Sammlergemeinde entdeckt zu werden.
Bereits in den fabulösen Reisebeschreibungen des venezianischen Kaufmanns Marco Polo finden Papierpuppen Erwähnung, die im China des 13. Jahrhunderts jedoch ausschließlich von ritueller Bedeutung sind und im Rahmen von Trauerzeremonien zusammen mit den Leichnamen Verstorbener verbrannt werden. Auch in der japanischen Volksreligion spielen sie eine Rolle: bereits vor über tausend Jahren beschrifteten Menschen papierne „Katashiro“ – Figuren mit ihrem eigenen Namen und Geburtsdatum und rieben diese anschließend über ihren Körper, um sie hernach in einem Boot auf offenes Wasser hinaustreiben und in den Wellen untergehen zu lassen, verbunden mit der Hoffnung, dass Krankheiten und seelische Unreinheiten an den Puppen haften bleiben und gleichfalls versinken mögen. – Als Spielzeug tauchen Puppen aus Papier erstmals im 17. Jahrhundert auf. Bei einem kolorierten Holzstich mit der Darstellung zweier Mädchen inklusive Kleidung, Accessoires und verschiedenen Frisuren zum Ausschneiden aus dem Bestand des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg handelt es sich jedoch um ein Einzelstück, das seiner Zeit offensichtlich voraus war und daher keine unmittelbaren Nachfolger fand. Zwar erfreute sich Papierspielzeug, vor allem in Form von Ausschneidebögen und Klebebilderbüchern, in der Folge zunehmender Beliebtheit, doch sind spezielle Ankleidepuppen erst wieder gegen Ende des 18. Jahrhunderts ein Thema. So berichtet 1791 das „Journal des Luxus und der Moden“: „Eine neue sehr artige Erfindung ist die sogenannte englische Puppe, die wir vor kurzem aus London erhalten haben. Es ist eigentlich ein Kinderspiel für kleine Mädchen, aber dabei so artig und geschmackvoll, dass wohl auch Mütter und erwachsene Frauenzimmer gern damit spielen, zumal da man den guten oder schlechten Geschmack, sich zu kleiden und zu coeffieren sinnlich darin zeigen und sozusagen studieren kann.“ Circa 20 cm lang sind die bereits fertig ausgeschnittenen Figuren aus starkem Kartonpapier, dazu gehören Kleidungsstücke für alle erdenklichen Anlässe wie „Sommer- und Wintertrachten, vollständige Kleider und Negligés, Chemisen, Pelze, Hüte, Hauben… Das Ganze liegt in einem sauberen Papierumschlage und kann leicht zum Amusement in Gesellschaften und für Kinder bey sich getragen werden.“
Der Durchbruch zum „Volksspielzeug“ gelingt den Ankleidepuppen allerdings erst mit dem Aufkommen fortschrittlicher Drucktechniken im Verlauf des 19. Jahrhunderts. Waren bislang aufwändige Holzschnitt- oder Kupferstichverfahren vonnöten, um die entsprechenden Vorlagen zu vervielfältigen, ist dies nun mit Erfindung und Weiterentwicklung der Lithografie zunehmend kostengünstiger möglich. So werden ab den 1830er Jahren statt teurer Sets mit bereits spielfertigen Puppen und Kleidungsstücken überwiegend preiswerte Bögen zum selbst ausschneiden angeboten. Darüber hinaus sind Ankleidepuppen jetzt auch in zeitgenössischen Zeitschriften zu finden. Das französische Modejournal „Psychée“ beispielsweise druckt sie, damit sich seine Leserinnen und Leser nach ausschneiden und aufstellen der Puppen einen besseren, weil plastischeren Eindruck der vorgestellten Kleidungsstücke machen können.
Entsprang die äußere Erscheinung der Papierpuppen bis dahin vornehmlich der Phantasie ihrer Zeichner, werden ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend „Promis“ abgebildet. Damals populäre Tänzerinnen und Schauspielerinnen leihen den Spielzeugen ihre Gesichter und auch gekrönte Häupter wie Queen Mary, Kaiserin Eugénie oder gar Madame Pompadour, die Mätresse König Ludwig des XV., können nach Belieben an- oder ausgezogen werden.
In Amerika erleben die „Paper Dolls“ zu Beginn des 19. Jahrhunderts ebenfalls eine stetig steigende Nachfrage. Weil aber zu dieser Zeit nur wenige Ankleidepuppen im Land selbst hergestellt werden, importiert man die bewährten europäischen Fabrikate. Erst 1857 produziert mit dem Bilderbuchverlag McLoughlin Brothers ein amerikanischer Hersteller Papierpuppen in nennenswerten Stückzahlen. Da die New Yorker Firma sich jedoch vorwiegend auf Billigprodukte zum Verkaufspreis von fünf bis zehn Cents konzentriert, finden parallel auch immer noch die qualitativ hochwertigen Erzeugnisse renommierter Europäer wie Raphael Tuck aus London, A. Sala aus Berlin oder J. Scholz aus Mainz den Weg nach Übersee. Um 1900 erfreuen sich Ausschneidepuppen einer bis dahin nicht gekannten Verbreitung, schmücken als Kaufanreiz die Warenverpackungen von Kaffee, Schokolade oder Nähgarn und sind in den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften zu entdecken. Während in Europa damit ein Höhepunkt erreicht war, der bis heute nicht mehr überschritten wurde, konnten sich die Spielzeuge in Amerika hingegen noch wesentlich länger der Gunst einer großen Käuferschaft erfreuen. So gelten die 1930er bis ausklingenden -50er Jahre in den USA gar als „das goldene Zeitalter der Paper Dolls“. Nicht ganz unschuldig am Zustandekommen dieser Entwicklung ist paradoxerweise die 1929 durch den „schwarzen Freitag“ markierte Weltwirtschaftskrise, die als „Große Depression“ das Leben der Amerikaner in den 30er Jahren bestimmen sollte. Ein Arbeitslosenanteil von 25 Prozent und ungezählte Menschen, die in schlecht bezahlten Jobs arbeiteten, sorgten für einen dramatischen Rückgang der Einkommen. Sehr viele konnten sich nur noch sehr wenig leisten und griffen somit auch beim Spielzeugkauf auf möglichst kostengünstige Erzeugnisse zurück, was gerade auch im Bereich der Paper Dolls zu ungeahnten Verkaufserfolgen führte. Die Papierpuppen werden zu dieser Zeit mehrheitlich in Heftform angeboten. Zwischen zwei Pappdeckeln, aus denen sich die eigentlichen Puppen ausschneiden, oder, sofern vorperforiert, auch ausdrücken lassen, findet sich auf mehreren Innenseiten entsprechendes Ausschneidezubehör aus Papier. Da aber selbst solche Billigobjekte für etliche Menschen offenbar noch zu teuer waren, gab es in vielen Fällen parallel zu den regulären Ausgaben mit den sogenannten „jobber books“ sogar noch einmal preisgünstigere Alternativen zu kaufen, deren Umschläge aus dünnerer Pappe bestanden und weniger Seiten im Innenteil aufwiesen.
Thematisch lassen sich die amerikanischen Paper Dolls dieser Jahrzehnte grob in fünf Motivbereiche einteilen. Im Hinblick darauf, dass als Zielgruppe überwiegend Mädchen anvisiert wurden, ist es natürlich nicht weiter verwunderlich, dass die Themengruppe mit Darstellungen von Babys und Kindern ganz besonders stark vertreten ist. Diese wurden von den Zeichnern in der Regel niedlich und lieb, in einigen Fällen aber auch erfrischend keck und munter in Szene gesetzt wurden. So stehen Sally Lou, Dotty Double, Betty Jane, Tammy, Patsy und ungezählten weiteren Kindercharakteren verschiedene zuckersüße Kleidchen zur Verfügung, auszuschneidende Accessoires wie Sandeimer, Schaufel, Wasserball oder Schaukelpferd ermöglichen zudem ihren Einsatz in den unterschiedlichsten Spielsituationen. Auch Märchenfiguren und Sagengestalten nehmen im Paper Doll-Universum einen großen Raum ein. Derart konnten Kinder oder jung gebliebene Erwachsene an der Seite eines papiernen Gulliver nach Liliput oder in das Land der Riesen reisen, Cinderellas Hochzeit mit einem Prinzen miterleben, dem in den USA als „Snow White“ bekannten Schneewittchen gegen die böse Stiefmutter beistehen oder sich in die „Wonderful World of the Brothers Grimm“ entführen lassen.
Eine weitere Kategorie bilden Comicfiguren, die vor allem auch in Zeitungen und Zeitschriften zu finden waren. Als Zugabe zu kurzen Comicstrips wie Blondie oder Flash Gordon wurde häufig noch eine entsprechende Ankleidepuppe abgedruckt.
Zudem erschienen eine ganze Reihe von Comics wie „Katy Keene“ oder „Millie the Model“, die sich ausschließlich um das Thema Mode drehten und über die genreüblichen Bildergeschichten hinaus zusätzliche Paper Dolls zu bieten hatten. Weiterhin gab es natürlich auch eigene Ausschneidehefte zu fast allen klassischen Comicfiguren wie Superman oder den diversen Disney-Charakteren.
Als ganz besonders reizvoll entpuppen sich jedoch Paper Dolls, die die Welt der Heranwachsenden und der Erwachsenen abbilden. Im Gegensatz zu vielen Bereichen amerikanischer Kunst und Kultur, in denen sich als Auswirkungen der Wirtschaftskrise sozialkritische Töne und Politisierungen breit machten, handelt es sich bei der zweidimensionalen Welt aus Papier ausnahmslos um eine vollkommen heile, in der die „Große Depression“ nicht vorkommt. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb ist dieser amerikanische Blick durch die rosarote nationale Brille von hoher Aussagekraft, wie beispielsweise das Heft „The Family and their Trailer“ der Merrill Publishing Company aus dem Jahr 1938 zeigt:
Während in John Steinbecks berühmtem, nahezu zeitgleich entstandenen Roman „Früchte des Zorns“ das Schicksal einer Landarbeiterfamilie geschildert wird, die sich auf der Suche nach Arbeit von der durch Dürre gebeutelten Westküste über die mittlerweile legendäre Route 66 bis nach Kalifornien durchschlägt, ist die „Trailer-Family“ offensichtlich in der Lage, sich in ihrem überaus luxuriös ausgestatteten Wohnanhänger eine augenscheinlich nur dem Vergnügen dienende USA – Rundreise zu leisten. Die auf dem Deckblatt des Ausschneideheftes zu bestaunenden Bären lassen im Zusammenhang mit einem Wyoming – Straßenschild vermuten, dass man sich momentan im Yellowstone – Nationalpark befindet, aber an weiteren abgebildeten Schildern ist abzulesen, dass auch der „Sonnenschein-Staat“ Florida und ebenfalls Kalifornien zu den Stationen gehören. Ein Vergleich der von Steinbeck beschriebenen kärglichen Lebens- und Wohnverhältnisse mit dem zur Schau gestellten Trailer-Überfluss gibt Auskunft darüber, in welchem Maße die soziale Schere im Amerika der 1930er Jahre auseinanderklafft. Wer weiß, ob damals nicht vielleicht Kinder, die in ähnlichen wie von Steinbeck beschriebenen Verhältnissen aufwuchsen, ihren Traum von einem besseren Leben sogar beim Anschauen eines solchen Paper Doll Heftes geträumt haben. – Schiebt man derartige Betrachtungen einmal beiseite, bleibt ein ausgesprochen sehens- und sammelnswertes Zeitzeugnis übrig, das auf insgesamt acht Seiten Spielkulissen für die aus dem Pappeinband auszudrückenden Figuren bietet. So hatte das zeitgenössische Kind die Auswahl, ob es „Mother“ und „Dad“ samt Kindern, Baby, Hund und Katze in Wohnzimmer, Esszimmer, einem der zwei Schlafzimmer, Küche, Badezimmer (mit Badewanne!) oder Kinderzimmer des „Raumwunder“ – Wohnanhängers agieren ließ.
Etwas weniger feudal geht es hingegen bei einer weiteren Trailer-Family zu, die in einem ebenfalls im Jahr1938 erschienenen Ausschneideheft der Saalfield Publishing Company zu finden ist. Auffällig sind die recht statisch daherkommenden Illustrationen, die trotz zeitgemäßer Kleidung der Puppen noch dem traditionellen Stil vergangener Jahrzehnte verpflichtet scheinen und im direkten Vergleich mit dem zuvor beschriebenen Objekt den Übergang zu einer moderneren zeichnerischen Auffassung und damit zu den „Modern Paper Dolls“ dokumentieren.
In den frühen 1940er Jahren erreichen die Verkaufszahlen der Papierpuppen in Amerika ihren Zenit. Einen nicht geringen Anteil daran besitzen ohne Zweifel die zeitgleich mit dem Eingreifen der USA in den Zweiten Weltkrieg in vielerlei Varianten auftauchenden Ausschneidehefte militärisch-patriotischen Inhalts. Während es scheinbar keine Probleme bereitete, Jungen durch Ausschneide- und Bastelbögen mit Soldaten und Panzern ohne Umschweife für das Kriegsgeschehen zu begeistern, versuchte man den Mädchen diese Angelegenheit über verschiedenerlei Umwege schmackhaft zu machen. Folglich verpackt der weitaus größte Teil derartiger Paper Dolls seine Botschaft in „mädchentypische“ Themen. So dreht sich in Titeln wie „Army and Navy Wedding Party“ oder „Military Wedding“ das Geschehen ums Heiraten, „Dolls in Uniforms of the U.S.A“ und „Girls in Uniform“ vermitteln, dass er sich auch in militärischem Outfit durchaus weiblich und schick aussehen lässt. Ausschneidehefte wie „Army Nurse“ ermöglichen den spielenden Mädchen, sich wie eine Krankenschwester zu fühlen. Auch für die Allerkleinsten ist gesorgt: In einem Band mit dem Titel „Uncle Sam’s little Helpers“ haben selbst puppenköpfige Kleinkinder und sogar ein „süßes Kätzchen“ offensichtlichen Spaß am Tragen von Uniformen. Ob bei „Victory Paper Dolls“, „Junior Volunteers“, „Our Soldiers – Cut Out Army Uniforms“ oder „Navy Scouts“, stets zeugen die freudig strahlenden Gesichter der Paper Doll Figuren davon, wie schön und befriedigend es offensichtlich ist, im Krieg zu sein.
Im weiteren Verlauf der 40er tritt dann langsam wieder Normalität ein und Uniformen sind im Bereich der Ankleidepuppen nur noch Flugkapitänen und Stewardessen anzuziehen. Stattdessen haben die Paper Dolls bevorzugt das Freizeitverhalten der Amerikaner zum Thema. So erholen sich die Städter beispielsweise gerne auf einer „Dude Ranch“, in deutsche Verhältnisse übertragen eine Art „Ferien auf dem Bauerhof“ der luxuriösen Art.
„Echte“ Cowboys kommen als Paper Dolls kaum vor, was nicht weiter verwunderlich ist, da Cowboys nicht eben den Ruf besitzen, mehrmals am Tag die Kleidung zu wechseln oder „für alle Fälle“ einen eleganten Anzug unter der Satteldecke parat zu haben und daher für diesen Spielzweck einfach nicht genug hergeben. Die „Dude Ranch“ hingegen hat den Vorteil, dass dort auch Frauen eine gute Figur machen können und so sind bei einem gleichnamigen Paper Doll neben dem abgebildeten Paar auf der Vorderseite noch einmal drei weibliche Papierpuppen auf der Rückseite des Covers zu entdecken. Für diese finden sich auf den Innenseiten entsprechende schicke Outfits mit jeder Menge Fransen, die die feinmotorischen Fähigkeiten des ausschneidenden Kindes auf eine harte Probe gestellt haben dürften und darüber hinaus natürlich etliche Kleider für abendliche Tanzveranstaltungen. Auch sonst tritt der „Wilde Westen“ meist nur als Rodeo-Show, selbstverständlich ebenfalls inklusive schmucker „Cowgirls“, in Erscheinung oder ist Thema in Heften über die Country-Sänger und Schauspieler Gene Autry und Roy Rogers, die Mitte der 30er in den USA als „Singing Cowboys“ zu großer Popularität gelangten.
Im Allgemeinen verbrachte man seinerzeit die Freizeit aber wohl nicht viel anders als heute. So führen uns die Paper Dolls an den Strand, in den „Circus“, zum „Carnival“, zum „Square Dance“ oder einfach nur zum Grillen in ihren Garten und lassen den heutigen Betrachter in Form ebenso ansprechender wie aussagekräftiger Illustrationen am amerikanischen „Lifestyle“ zur Mitte des vorangegangenen Jahrhunderts teilhaben.
Bemerkenswert ist sicherlich das in fast allen diesen Heften vermittelte Frauenbild. Wäre eigentlich zu erwarten, dass die Frauen gemäß der zu dieser Zeit vorherrschenden konservativ-traditionellen Rollenverteilung auch als Paper Dolls überwiegend in die Küche verbannt und auf ihre Funktion als treu sorgende Mutter reduziert wurden, werden sie im Gegenteil durchgängig selbstbewusst und eigenständig dargestellt. Karriere statt Küche lautet daher die Devise in etlichen Ausschneideheften, die „Career-Girls („Karrierefrauen“) in den Mittelpunkt stellen.
Dort stoßen sie zwar nie in die wirklichen Top-Positionen vor, aber immerhin machen Sally, Sue, Jean, Lois und viele weitere ihrer Papierpuppenkolleginnen eine gute Figur als Chefsekretärin, Lehrerin oder Stewardess. Die beiden mit Abstand beliebtesten Berufe sind jedoch Balletttänzerin und natürlich Model. Gerade Paper Doll Hefte letztgenannten Sujets haben neben konventioneller Garderobe auch durchaus schon mal das eine oder andere ausgefallenere Kleidungsstück zu bieten und ermöglichen derart eine bunt gefächerte Zeitreise in die damalige Welt der Mode. Dass nach amerikanischem Selbstverständnis ein guter Job dann letztlich doch nicht das alleinige Ziel junger Frauen darstellen kann, belegt die unüberschaubar hohe Zahl von Ankleidepuppen zum Thema Heiraten.
Aus entsprechenden Heften können nicht nur die Braut- und Bräutigam-Figuren ausgeschnitten und dem feierlichen Anlass gemäß angekleidet werden, sondern darüber hinaus auch Brautjungfern sowie die jeweiligen Trauzeugen, die nach amerikanischer Gepflogenheit als „Maid of Honor“ und „Best Man“ zudem im Vorfeld der Hochzeit für die Organisation des Festes mitverantwortlich sind.
Über die genannten hinaus sind natürlich auch alle anderen Themen vertreten, die Mädchen weltweit mit Vorliebe zum Gegenstand ihres Spielens machen, wie zum Beispiel in „Big Sisters in Paris“ das Reisen in fremde Länder oder in etlichen ‚Hund, Katze, Pony‘ – Büchern die Liebe zum Tier. Eine typisch amerikanische Angelegenheit sind hingegen Ausschneidehefte, die das Teenager-Dasein und besonders das Highshool –Leben zum Gegenstand haben und mit ausgesprochen reizvollen Darstellungen von Popcorn, Party und Petticoat eine Augenweide für jeden heutigen Fifties-Fan darstellen.
Den weitaus größten Teilbereich in der Paper-Doll-Welt der 1930er und darauf folgenden Jahre bildet jedoch die Gruppe der Ausschneidehefte mit Abbildungen vornehmlich in der Welt des Films angesiedelter „Celebrities“ („Berühmtheiten“). Dies hängt zum einen damit zusammen, dass damals wie heute – warum auch immer – in weiten Kreisen der Bevölkerung grundsätzlich ein großes bis übergroßes Interesse an Stars vorhanden ist und liegt zum anderen daran, dass es durch den Siegeszug des Tonfilms so viele populäre Schauspieler gab wie nie zuvor. Erleichternd kam für die Produzenten der Paper Dolls hinzu, dass die Rechtefrage in den meisten Fällen wesentlich leichter abzuhandeln war als heute. Durch entsprechend allumfassende Verträge „gehörten“ viele der damaligen Leinwandhelden den Filmgesellschaften, bei denen sie unter Vertrag standen, förmlich „mit Haut und Haaren“ und da die Studios sich davon einen hohen Werbeeffekt versprachen, vergaben sie ihre Einwilligung für den Einsatz ihrer Schützlinge im Spielzeugbereich in der Regel recht großzügig.
Neben diversen Filmgrößen, die vor allem innerhalb der USA populär waren oder die mittlerweile in Vergessenheit geraten sind, stößt man im Bereich der Papierpuppen auch auf etliche Namen, die selbst nach mehreren Jahrzehnten nicht nur eingefleischten Kinofans immer noch ein Begriff sind: Elisabeth Taylor, Grace Kelly, Kim Novak, Julie Andrews, Jane Russell, Rita Hayworth und die „badende Venus“ Esther Williams gehören ebenso in diese Gruppe wie Marilyn Monroe, der als Paper Doll aus modischen Gründen eine extreme Wespentaille verpasst wurde, wie sie das Sexsymbol im wirklichen Leben sicherlich niemals besessen hat.
Vergleichsweise klein ist der Anteil an männlichen Schauspielern. Die es denn aber zu Paper-Doll-Ehren gebracht haben, sind zu den wirklichen Leinwandikonen zu zählen. So kann man Charlie Chaplin ebenso komplett neu einkleiden wie James „Jimmy“ Stewart oder Rock Hudson, dem offensichtlich ein sportliches Image verpasst werden sollte und für den deshalb neben locker-lässiger Freizeitkleidung und verschiedenen Filmoutfits sogar Boxhandschuhe und ein kompletter Taucheranzug vorhanden sind. Hollywood-Beau Clark Gable bekommt man gleich in mehreren verschiedenen Versionen, dafür jedoch immer nur im Doppelpack mit Vivian Leigh, seiner nicht minder attraktiven Partnerin im Kinoklassiker „Vom Winde verweht.“ Mittelpunkt einiger Dutzend Ausschneidehefte und damit absoluter Favorit im Papierpuppenkosmos war mit Kinderstar Shirley Temple eine Schauspielerin, die bereits im zarten Alter von sechs Jahren einen Oscar gewann, damit bis heute die jüngste Preisträgerin überhaupt ist und gleich mehrere Zielgruppen ansprach. Nahm sie für gleichaltrige Kinder die Rolle eine Freundin ein, bedeutete sie für viele Erwachsenen einen Lichtblick am dunklen Horizont der Depressionszeit. So erreichten nicht nur entsprechende Paper Dolls hohe Verkaufszahlen, sondern auch Shirley-Temple-Puppen, zudem wurde ihre Breitband-Popularität mit großem kommerziellem Erfolg in der Werbung eingesetzt. Viele insbesondere der Star-Ausschneidehefte bieten in den 50er Jahren zudem ein attraktives Extra: Hollywood-Beau Clark Gable bekommt man gleich in mehreren verschiedenen Versionen, dafür jedoch immer nur im Doppelpack mit Vivian Leigh, seiner nicht minder attraktiven Partnerin im Kinoklassiker „Vom Winde verweht.“ Mittelpunkt einiger Dutzend Ausschneidehefte und damit absoluter Favorit im Papierpuppenkosmos war mit Kinderstar Shirley Temple eine Schauspielerin, die bereits im zarten Alter von sechs Jahren einen Oscar gewann, damit bis heute die jüngste Preisträgerin überhaupt ist und gleich mehrere Zielgruppen ansprach. Nahm sie für gleichaltrige Kinder die Rolle eine Freundin ein, bedeutete sie für viele Erwachsenen einen Lichtblick am dunklen Horizont der Depressionszeit. So erreichten nicht nur entsprechende Paper Dolls hohe Verkaufszahlen, sondern auch Shirley-Temple-Puppen, zudem wurde ihre Breitband-Popularität mit großem kommerziellem Erfolg in der Werbung eingesetzt. Viele insbesondere der Star-Ausschneidehefte bieten in den 50er Jahren zudem ein attraktives Extra: Da die Innenseiten zudem einen horizontalen Schnitt aufweisen, entstehen Papiertaschen, die anschließend zur Aufbewahrung der Paper Dolls samt Accessoires genutzt werden können. Nicht wenige dieser Blätter sind derart gefällig illustriert, dass sie bereits für sich genommen schon als sammelwürdig erscheinen.
Ebenfalls in den Bereich der „Celebrities“ einzuordnen sind die „gekrönten Häupter“, besonders beliebt ist in diesem Zusammenhang das englische Königshaus. So kann beispielsweise die prunkvolle Krönungszeremonie von Elizabeth II. mithilfe einer 1953 bei Saalfield erschienenen Kombination aus Ausschneideheft und Malbuch inklusive Thron und gülden auszumalender Pferdekutsche stilecht nachgespielt werden.
Eines der spektakulärsten Paper Dolls überhaupt hingegen zollt einer ungekrönten Königin den ihr zustehenden Tribut. Eine 1963 angebotene Jackie-Kennedy-Puppe der Magic Wand Corporation aus starker Pappe misst eine Höhe von sage und schreibe 75 Zentimetern und wird damit auch größenmäßig der überragenden gesellschaftlichen Bedeutung ihres realen Vorbildes gerecht. Als zusätzliche Besonderheit kann auf die üblichen, zur Befestigung der Kleidungsstücke umzuknickenden Papierlaschen verzichtet werden, da die Garderobe auch ohne diese Hilfsmittel an der beeindruckend großen Jackie-Vorlage haften bleibt. Die Gründe für diesen Effekt sind jedoch nicht, wie ein Verpackungsaufdruck die Kinder glauben machen möchte, auf einen kleinen, roten beiliegenden Plastik-Zauberstab zurückzuführen, sondern beruhen in diesem Fall ganz ungeheimnisvoll auf der Adhäsion, der Anziehungskraft der Moleküle zwischen zwei glatten Materialien. Auch bei anderen Firmen sind in den 60ern vermehrt Papierpuppen zu finden, die nach demselben Prinzip funktionieren und aus produktionstechnischen Gründen nicht mehr in Heftform, sondern in Schachteln („boxed sets)“ verpackt angeboten werden.
Jedoch begann bereits gegen Ende der 50er das Interesse an Paper Dolls in den USA merklich abzuflauen. Kinder verbrachten vermehrt ihre Zeit vor dem Fernseher oder zogen bereits die in diesen Jahren ihren unvergleichlichen Siegeszug startenden Barbiepuppen an und aus. Die Idee zu ihrem Welterfolg kam Barbie-Erfinderin Ruth Handler übrigens, als sie ihrer Tochter beim Spielen mit Ankleidepuppen aus Papier zusah und sie daraufhin eine Puppe entwarf, die nicht die üblichen kindlichen Züge aufwies, sondern wie ein Fotomodell aussah. Aber obwohl die Paper Dolls gegen stetig sinkende Verkaufszahlen zu kämpfen hatten, wurden sie weiterhin fleißig produziert. Einen immer noch recht großen Erfolg erzielten dabei ausgerechnet Paper Dolls zum Thema Barbie, sodass deren stilistischer Wandel über die Jahrzehnte sich auch im Papierpuppenformat auf sehr sehenswerte Weise nachvollziehen lässt.
Als besonderes Highlight für Mode interessierte erweist sich jedoch eine Ankleidepuppe, die die britischen Stilikone Twiggy zum Vorbild hat. Die 1967 bei Whitman produzierte „Magic Paper Doll“ mit selbst haftender Kleidung bietet in ihrer attraktiv illustrierten Verkaufsschachtel ein umfangreiches Sortiment schrill-bunter Garderobe im unverwechselbaren Look der Swinging Sixties.
Schließlich sei noch auf einige nostalgische Erinnerungen weckende Paper Dolls zu amerikanischen Fernsehserien hingewiesen, die auch in Deutschland ausgesprochen populär waren.
Allen voran ist hier die in einem bunten Bus zu ihren Musikauftritten reisende Partridge Family zu nennen, innerhalb derer besonders die Schauspieler Susan Dey und David Cassidy zu absoluten Teenager-Idolen avancierten. Die US-Produktion „Family Affair“ war in Deutschland unter dem Titel „Lieber Onkel Bill“ sehr erfolgreich, die darin mitspielenden Kinder Jody und Buffy und selbst deren Puppe Mrs. Beasley erfreuten sich derart großer Beliebtheit, dass für alle drei eigene Hefte erschienen.
Insgesamt ist das Angebot an amerikanischen Paper Dolls aus der beschriebenen Zeit riesig, die Sammlerin Mary Young hat die allermeisten von ihnen in ihren diversen, leider nur in englischer Sprache erhältlichen Preiskatalogen aufgelistet. Allein die Saalfield Publishing Company brachte es demzufolge auf deutlich über 1500 verschiedene Titel.
Die Versandkosten bewegen sich normalerweise in einem Bereich von zehn bis zwanzig Dollar und halten sich damit in noch annehmbaren Grenzen. Die Preise für die Hefte selbst beginnen bei einem Dollar für häufige anzutreffende und unvollständige Objekte und enden erst bei mehreren hundert für seltene und gefragte Stücke. Zu letzteren zählen beispielsweise ein Mickey-Mouse-Ausschneideheft von 1933 oder Paper Dolls über Glenn Miller und „Vom Winde verweht“. Die höchsten Erlöse erzielen natürlich unzerschnittene Hefte, die noch überraschend häufig zu entdecken sind. Solche, oder auch Exemplare in denen nur ein oder zwei Kleidungsstücke ausgeschnitten wurden, zeugen davon, dass die „friemelige Schnippelei“ offenbar nicht jeden Kindes Sache war. Nicht zerschnittene Ausschneidehefte bergen natürlich den nicht zu unterschätzenden Nachteil, dass sie vom Sammler nicht bespielt werden können… Beachten sollte man, dass von etlichen dieser Paper Dolls alte oder auch neuere Reprints existieren, die im einfachsten Fall durch einen auf der Cover-Rückseite befindlichen Scannercode entlarvt werden können. Bei älteren Nachdrucken unterscheidet sich oft der aufgedruckte Preis von dem des Originals. Und wenn beim Kauf eines bereits zerschnittenen Heftes die Rückseiten der Accessoires unterschiedliche Vergilbungsgrade aufweisen, deutet dies darauf hin, dass fehlende Stücke mithilfe eines jüngeren Heftes ergänzt wurden.
Weit weniger ausgeprägt als in Amerika war die Paper Doll Kultur innerhalb des beschriebenen Zeitraums in Deutschland und später in der DDR. Dennoch sind auch in diesem Bereich viele ungewöhnliche und „Geschichten erzählende“ Ankleidepuppen zu entdecken, von denen hier zwei recht kuriose Exemplare als „Appetithappen“ für potenzielle Sammler zumindest kurze Erwähnung finden sollen: Den Papiermangel der Nachkriegszeit dokumentiert „Rolf – mein Anziehbub“.
Das „Spiel mit Schere und Buntstift“ wurde auf die Rückseiten von nicht genutzten IBM-Lochkarten aus den Beständen der US Air Force gedruckt, zudem müssen die Kleidungsstücke erst ausgemalt werden. Bei einer Papierpuppe aus der DDR hingegen ist bei genauerer Betrachtung ein Beispiel versteckter Systemkritik auszumachen: So ist in diesem Fall ein unter den Arm geklemmtes Radioprogramm zu erkennen, auf dem Titel staatskonformer Sendebeiträge wie „sowjetische Künstler musizieren“ zu entziffern sind. Unter dem anderen Arm steckt eine Zeitung, von deren Namen nur drei Buchstaben erkennbar sind. Diese lassen jedoch als Schluss zu, dass es sich um den Eulenspiegel handelt, das seinerzeit einzige Satiremagazin der DDR.
In eigener Sache ein Hinweis auf die ausleihbare Ausstellung:
Vintage Fashion - Anziehpuppen aus Papier
Bisherige Stationen:
6.9.2020 – 21.3.2021 Feld-Haus – Museum für Populäre Druckgrafik, Neuss
17.7.2021 – 12.9.2021 Museum Petersberg / Saalekreis
Weitere Ausleih-Anfragen sind willkommen!