Spiel-Kaufläden

Spielzeug-Kaufläden aus der DDR und der Bundesrepublik ermöglichen eine ebenso interessante wie unterhaltsame Zeitreise in die jüngere deutsche Vergangenheit. Sie beginnt in den Mangeljahren der Nachkriegszeit, in welcher Ersatzprodukte wie Getreide-Kaffee nicht nur den realen Konsum-Alltag prägen, sondern in spiel gerecht verkleinerter Form auch in den damaligen Kinderkaufläden zu finden sind. Bald schon erreichen viele Waren aber wieder „Friedensqualität“ und in der Bundesrepublik ist für Ludwig Erhard, den Vater des Wirtschaftswunders, der Umstand, dass „Persil wieder da“ ist, gar ein Beleg, dass nun endgültig Frieden eingekehrt ist. Während in den Kinder-Kaufläden aus Deutschland-West ein breites Spektrum bekannter Markenprodukte und Luxusartikel zu entdecken ist, sind in den Kaufmannsläden aus Deutschland-Ost überwiegend Waren zu finden, die der Grundversorgung der Menschen dienen. Da viele in der DDR hergestellte Spielzeuge in den Export gingen, findet man aber auch in einer Art vorweggenommener Wiedervereinigung Ost-Läden, die mit West-Erzeugnissen gefüllt wurden.

Doch nicht nur die Vielfalt der seinerzeitigen Warenwelt oder Modernisierungen des Verpackungsdesigns lassen sich im Miniaturformat anschaulich nachvollziehen, sondern auch die Entwicklung vom Tante-Emma-Laden hin zum Supermarkt.

Sehr aussagekräftiger Kaufladen einfachster Bauart aus den Nachkriegsjahren. Gefertigt wurde er aus Kistenbrettern, das rückwärtige Verkaufsregal steht auf ausrangierten Garnrollen und zur Beschriftung der Schübe dienten die unbedruckten Randstücke alter Briefmarkenbögen. Da die Versorgungslage in Deutschland über weite Strecken sehr schlecht war und es einige Rohstoffe so gut wie gar nicht mehr gab, sind innerhalb des Sortiments viele „Ersatzprodukte“ wie Getreide-Kaffee oder „Götterspeise ohne Zucker“ zu entdecken, die den deutschen Konsum-Alltag bestimmten. Insgesamt war die Auswahl in diesem Kinderkaufladen sicher vielfältiger als in der Realität. Maße 57 x 34,5 x 29 cm

Im Jahr 1937 vom Vater der ursprünglichen Besitzerin Anita selbstgebauter Kaufladen. Der noch vorhandene Restbestand der Bestückung wurde zeittypisch ergänzt. Sehr aussagekräftig ist eine original dazugehörige Zigarrenkiste mit ehemals regulären Zahlungsmitteln, die nach ihrer Entwertung als Spielgeld dienten. Der Inhalt reicht von historischen Dollarnoten über Münzen der 20er bis 40er Jahre bis hin zu alten Lebensmittelkarten – letztere in den Nachkriegsjahren von unschätzbarem Wert. Nachdem sich die Lage 1948 mit der Währungsreform in vielen Bereichen entspannt hatte, konnte die Zwangsbewirtschaftung mit Lebensmittelkarten nach und nach abgeschafft werden, sodass die hier zu sehenden Exemplare als eindrucksvolles Zeitzeugnis in diesem Kaufladen landeten.

Ganz herzlich bedanke ich mich Anita, die ihre Erinnerungen zum Kaufladen in liebenswerter Märchenform niederschrieb: „Es war einmal in vergangenen Jahren ein kleines Mädchen, nennen wir es Anita. Sie hätte so gerne einen Kaufladen gehabt, aber woher einen bekommen? Verkäuferin wollte sie damals unbedingt werden. Das Weihnachtsfest war nicht mehr allzu weit entfernt. So sagte ihr Vater damals zu seiner Ehefrau: „Ich versuch‘ mich mal und bastele einen. Zeit habe ich ja mehr als genug.“ Er war zur damaligen Zeit ohne Arbeit. So stieg er jeden Tag in den Keller hinab und begann sein Werk. Es wurde viel geleimt, geschraubt und auch gehämmert. Das kleine Kind stand oft dabei und schaute gespannt zu, was da wohl gemacht werden sollte? Sie überlegte jeden Tag fieberhaft, aber sie kam einfach nicht darauf. Später durfte sie auch nicht mehr mit in den Keller kommen, denn es sollte ja eine Überraschung zu Weihnachten werden. Der Kaufladen nahm so langsam seine vollständigen Formen an und bekam später noch einen schönen Anstrich. Das Weihnachtsfest war nun endlich da, das lange Warten hatte ein Ende genommen! War das eine große Freude bei dem kleinen Mädchen! Unter dem geschmückten Tannenbaum stand mit allem Drum und Dran ein Kaufladen! Das Mädchen klatschte in ihre Händchen und die Freude nahm kein Ende.“ – Maße: 59 x 34 x 75 cm 

Wohl ein Kaufladen aus den 1920/30er Jahren, der den Krieg überlebt hat und in den späten 40er / frühen 50er Jahren bespielt wurde, da das „Kindergeld“ die ab 1949 in Deutschland-West von der „Bank Deutscher Länder“ herausgegebenen Geldscheine zum Vorbild hat und der „Geobra“-Papierabroller mit „Made in US-Zone“ gemarkt ist. Schokoladenzigaretten sowie eine Spielschachtel(!) „Leichter Shag“ weisen auf eine Raucherfamilie hin;-) Maße: 43 x 14 x 40 cm

Im Kinder-Kaufladen wird die Ware sortiert.
Kundschaft! (Privatfoto Sammlung Wirtschaftswundermuseum, um 1960)

Ein Kaufladen der Firma Albin Schönherr, den ich mitsamt Inhalt von der ursprünglichen Besitzerin erhielt, die damit in den frühen 1940er Jahren gespielt hat. Maße: 50 x 24 x 24 cm

Isolde hat zu Weihnachten einen selbstgebastelten "Delikatessen"-Kaufladen geschenkt bekommen (1930er Jahre), Privatfoto Sammlung Wirtschaftswundermuseum
"Weihnachten den 24.12.43 zum Andenken"

Die Nachkriegsjahre

Nach jahrelangen Entbehrungen bedeutet das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht etwa, dass es den Menschen im von den Siegermächten besetzten Deutschland schlagartig wieder besser geht. Es fehlt an vielem und insbesondere an Nahrungsmitteln. Zwar lindert eine gute Ernte im Jahr 1946 die Not etwas, doch der darauf folgende lange und strenge Winter entwickelt sich zu einem regelrechten „Hungerwinter“. Die wenigen zur Verfügung stehenden Lebensmittel sind rationiert und werden über Lebensmittelkarten verteilt. Wer noch Sachwerte besitzt, versucht diese auf dem Schwarzmarkt gegen Essbares einzutauschen. – Während sich 1948 die Lage in den westlichen Besatzungszonen dank des von den Amerikanern gestarteten Wiederaufbauprogramms „Marshallplan“ und der Währungsreform mit Einführung der DM allmählich wieder zu entspannen beginnt, geht es in der Sowjetischen Besatzungszone deutlich langsamer aufwärts. Die Sowjetunion fordert vielfältige Reparationsleistungen ein, was die Aufbauarbeit spürbar erschwert.

In den Spielzeugkaufläden sind etliche Zeugnisse der Nachkriegszeit zu entdecken, die sowohl den Mangel als auch die Fortschritte dokumentieren, so zum Beispiel Miniaturschachteln mit „Götterspeise ohne Zucker“, „Korn Kaffee“ oder aber eine Fleischsuppe, die bereits wieder in „Friedensqualität“ produziert wird. Auch Lebensmittelmarken, die nach Ende der Zwangsbewirtschaftung nicht mehr benötigt wurden, werden zum Spielen genutzt.

Kaufladen „Konsum“, frühe 50er Jahre, Hersteller wohl E. Emil Schubert, DDR. Vorhandene Restbestückung (BRD) zeittypisch ergänzt, in den Fächern des Mittelstücks befanden sich ursprünglich einmal Schubladen. Maße 49 x 17 x 37,5 cm, – Im Kaufladen gefunden: „Bitte eine BZ-Zeitung zu 10 Pfennige am und vom Sonnabend mir heute mitbringen.“

Fewa - Kaufladenschachtel
Fewa - "Da bin ich wieder!", Werbung (1948)
"Weihnachten 1948 - Die Schaufenster füllen sich." - Seite aus einem privaten Fotoalbum
Einkaufsbummel in Iserlohn (1948)
Vor einem Schaufenster des Kaufhaus Althoff (1948)
Kaufladen um 1954, Hersteller E. Emil Schubert "Fabrik feinster Holzspielwaren", Grünhainichen/Erzgebirge, Maße: 46 x 16 x 34 cm
Kinder-Kaufladen, 1930er Jahre
Ein Kaufladen unter dem Weihnachtsbaum (1952)

Riesiger (100 x 36 x 26 cm) Kaufladen der Firma Kibri mit formschöner Verkaufstheke (inklusive chromglänzender Taschenablage!), deren Oberfläche eine edle „Marmoroptik“ aufweist. Erstaunlicherweise ist der Laden mit „Made in US-Zone“ gemarkt, was die Herstellungszeit theoretisch bis 1949 begrenzt. Es fällt schwer, diese frühe Datierung zu glauben, denn soviel räumlicher Überfluss passt einfach nicht in diese Zeit. – Aber während Blechspielzeuge oft noch viele Jahre länger derart gekennzeichnet wurden, weil es sehr aufwändig gewesen wäre, die Druckstöcke für deren Lithografien zu ändern, fällt dieses Problem bei diesem Laden weg, da es in diesem Fall lediglich eines neuen billigen Gummistempels bedurft hätte. Warum hätte man also eine falsche Angabe machen sollen? Möglicherweise beschlossen die Kibri-Verantwortlichen die Produktion dieses Ladens in einer allgemeinen Währungsreform-Euphorie? Auf jeden Fall schien er die potenzielle Käuferschaft zu überfordern, da dieses Spielzeug unbespielt anmutet und ein zweites mir unter die Augen gekommenes Exemplar ebenfalls einen nahezu neuwertigen Eindruck machte. – Die hier zu sehende Bestückung wurde von mir zeittypisch zusammengestellt. 

Kind spielt mit einem Kaufmannsladen (um 1955)
Spiel mit Puppe und Kaufladen (um 1950)

Kleiner Kaufladen um 1950, noch ganz im Stil der 1930er Jahre, Maße: 48 x 18,5 x 28 cm   

Planwirtschaft und Wirtschaftswunder

„Wohlstand für alle“ lautet der Titel eines Buches des westdeutschen Finanzministers Ludwig Erhard aus dem Jahr 1957 und in der Tat geht es einem großen Teil der Bundesbürger im Verlauf der 1950er Jahre stetig besser. Die Wirtschaft hat sich von den Folgen des Zweiten Weltkriegs schneller erholt als erwartet, die Löhne sind gestiegen und die Geschäfte bieten, was das Käuferherz begehrt – schon damals war von einem „Wirtschaftswunder“ die Rede.

Obwohl es immer wieder Engpässe gibt, hat sich auch in der DDR die Versorgungslage entspannt. Im Vergleich zur Bundesrepublik jedoch bleibt das Angebot überschaubar, da der Schwerpunkt auf staatlich subventionierte Grundnahrungsmittel wie Brot, Butter und Milch gelegt wird. Darüber hinaus gibt es unter der Ladentheke verkaufte „Bückware“ und wenn wirklich einmal besondere, viel begehrte Konsumgüter angeboten werden, bedeutet dies für die Kaufinteressierten meist Schlangestehen. „Es gibt alles, nur nicht immer, nicht überall und schon gar nicht, wenn es gerade gebraucht wird“ heißt es in der Bevölkerung. Und während beim Einkauf in Deutschland-West die Standardfrage der Verkäufer in der Regel: „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ lautete, war in Deutschland-Ost nicht selten ein „Ham’ wa nich!“ zu hören.

Die Kinderkaufläden dieser Zeit dokumentieren mit ihrer bunten Vielfalt von Miniaturschachteln anschaulich das überreiche Angebot an Marken- und Luxusartikeln im Westen, während die Ost-Sortimente vorwiegend den Versorgungs-Grundbedarf beinhalten. Da die Produktion der Waren planwirtschaftlich gesteuert wurde und DDR-Hersteller nicht miteinander konkurrieren mussten, wurde zudem das Design der Verpackungen vernachlässigt – zumindest für den Bedarf in Inland. Beim Besuch der Leipziger Messe war dann so mancher Bürger erstaunt, welche ansehnlichen Leistungen die heimische Industrie für den gewinnträchtigen Export auf die Beine stellte.

Ludwig Erhard: Wohlstand für Alle
Dieses reich gefüllte "Kaufhaus" spiegelt anschaulich den Wohlstand der Wirtschaftswunderzeit wider. Maße: 58 x 30 x 31 cm

„KOMMEN SEHEN KAUFEN – KONSUM“, DDR, Bastelarbeit mit originaler Bestückung. Im Gegensatz zur staatlich geführten HO (Handelsorganisation) gehörte der Konsum den Mitgliedern der unter dieser Marke vereinten Konsumgenossenschaften. Im DDR-Alltag entwickelte sich „Konsum“ im Laufe der Zeit zu einem gebräuchlichen Synonym für Lebensmittelgeschäfte. Maße: 51 x 22 x 24 cm. – Ansichtskarte / Bildkarte „Konsum“

Kaufmannsladen, DDR, mit westdeutscher Bestückung. Maße: 76 x 33 x 25 cm - Unten ein Kuriosum aus dem Bestand dieses Kaufladens und Zeichen für den Wirtschaftswunderwohlstand, die "Fresswelle" und das damit einhergehende Übergewicht vieler Bundesbürger: Eine Spielpackung(!) Abführmittel...   
"Seit der Währungsreform ist hier nicht mehr durchzukommen", Witzzeichnung in einer Zeitschrift (1950)
Kaufladen um 1958, original bestückt, Maße: 60 x 26 x 24 cm

Dieser original bestückte Kaufladen aus den frühen 1960er Jahren erzählt Zeitgeschichte: Die abgebildeten John F. Kennedy-Plastikmünzen dienten als Zahlungsmittel. Der Berlinbesuch des amerikanischen Präsidenten Kennedy mit dem legendären Satz „Ich bin ein Berliner!“ hatte die Bundesbürger elektrisiert und war allgegenwärtiges Thema, sodass sich Andenken-Schnickschnack selbst in diesem Kinderspielzeug wiederfindet.  Maße: 61 x 24 x 21 cm 

Ein Kaufladen aus den 1960er Jahren mit allein 24 verschiedenen Miniaturschachteln von Produkten der Firma Dr. Oetker, der die große Vielfalt des bundesdeutschen Warenangebotes widerspiegelt. Maße: 72 x 28 x 22 cm
"Das gibt es nur von DR. OETKER", Printwerbung (1966)